KDrama nach Themen: Beispiele für KMovie
“Even If This Love Disappears Tonight” ist das erfolgreiche Korean-style Remake eines japanischen Kinoerfolgs, der
auf einer Romanvorlage von Misaki Ichijo basiert.
Dieser Film flatterte mir eher zufällig vor den Bildschirm. Ein Glücksfall, wie sich herausstellte. Was auf den
ersten Blick wie eine typische Teenie-Love-Story wirkt, entpuppt sich recht schnell als philosophisches Werkzeug, das tief an Fragen der Identität und ethischen Grundfesten rüttelt. Überhaupt wählt
das KMovie seine eigene Gangart, weil es das kann. Chemie zwischen den Leads, Musik, Farben, Landschaft und Stimmung halten alles zusammen und lassen die harten moralischen Fragen subtil
wirken.
Schon der Start ist herrlich schräg: Zwei Menschen finden zusammen, die sich nie gesucht hätten. Ein
Dating-Experiment ohne Hintergedanken, fast ein bisschen naiv, aber gerade deshalb so erfrischend. Doch hinter dieser Leichtigkeit lauert das Thema Amnesie.
Ich verstehe nicht, warum manche kritisieren, dass es abgegriffen sei. Demenz, Alzheimer oder eben Amnesie –
man/frau kennt sie, aber das macht das zugrunde liegende Thema doch nicht weniger spannend. Warum? Weil es um den absoluten Kontrollverlust geht. Ein verlorenes Körperteil mag schon die eigene
Identität infrage stellen, aber man kann es vielleicht kompensieren. Gedächtnisverlust hingegen greift die Identität direkt an. Wer bin ich, wenn ich meine Geschichte nicht mehr besitze?
Die gute Nachricht im Falle der anterograden Amnesie der Protagonistin: Offensichtlich kann man/frau auch DAS
kompensieren – im Film mit Hilfe des Tagebuchs. Doch das Tagebuch ist hier kein bloßes, wirkungsvolles Plot-Element, sondern ein philosophischer Sezierspiegel. Die Tragik ist greifbar. Ohne das
Tagebuch ist das, was war, für die Protagonistin nie gewesen.
Das Tagebuch übernimmt die Funktion der Realität. Eine effiziente Krücke. Doch wehe es kontrolliert jemand, welche
Erlebnisse als Lebenswirklichkeit erschaffen werden… Da kratzt das KMovie dann doch elementar an Fragen der Freiheit… auch wenn diese Erinnerungsmanipulation „in the name of love“ geschieht.
Nichtsdestotrotz: Es ist eine moralische Gratwanderung, mit der wir hier konfrontiert werden.
Der Protagonist filtert ihren Wahrnehmungshorizont in das Tagebuch. Er erschafft eine „optimierte“ Version ihres
Dating-Lebens. Ist das die ultimative Form der Selbstaufopferung oder ein Entzug ihrer Autonomie? Die Liebe der beiden hier ist eine mühsame, tägliche Arbeit gegen das Vergessen. Wir feiern die Liebe
des Protagonisten im ersten Moment als ultimative Hingabe, doch bei genauerem Hinsehen ist sie auch eine tiefe Anmaßung: Er erschafft für sie eine Welt aus sorgfältig gewählten Notizen. Er stiehlt
ihr gewissermaßen das Recht auf die eigene Tragik, um ihr ein Lächeln zu schenken. Es ist eine behutsame Manipulation, die uns als Zuschauer vor die unbequeme Wahl stellt: Würden wir lieber in einer
glücklichen Lüge leben oder in einer schmerzhaften Wahrheit erwachen?
Ist eine Liebe, die nur auf einer Seite erinnert wird, überhaupt eine Beziehung? Oder ist es ein einseitiges
Denkmal? Das macht die Geschichte so zart und gleichzeitig so furchtbar einsam. Zudem wirft die Geschichte die fundamentale Frage auf: Sind wir nur die Summe unserer Fakten im Kopf oder die Summe
unserer Gefühle im Moment? Die Story argumentiert bestimmt: Das Herz erinnert sich an das, was der Verstand längst gelöscht hat.
Ach ja, das Pacing und die vielen Szenen beim Essen, Gehen oder Schweigen. Ich nenne es die „Ästhetik der
Langen-Weile“. Gerade diese Alltäglichkeit inszeniert das Gewöhnliche als das Kostbarste, das man aber erst als solches erkennt, wenn man weiß, dass es morgen weg ist. Es ist eine meisterhafte Form
der antizipatorischen Trauer – ein Abschiednehmen auf Raten, jeden Morgen aufs Neue.
Das alles sind schon Themen, die den Kinoabend wertvoll anreichern. Doch neben alledem wartet die Geschichte noch
mit einem weiteren Highlight auf. Für mich ist der heimliche Star der Herzen nicht das Paar, sondern die Freundin Jimin. Während die beiden in einer kuratierten Seifenblase aus Notizen über ihre
schönen, geteilten Momente leben, ist Jimin die „Wächterin der Realität“.
Sie kennt das gesamte Bild und trägt die Last des Wissens für alle mit – ein einsamer, schmerzhafter Weg. Während
die Protagonistin durch die Amnesie und das manipulierte Tagebuch in einer „ewigen Gegenwart“ geschützt wird, muss Jimin das Trauma allein verarbeiten. Das macht ihre Einsamkeit noch radikaler. Das
ist die reinste Form von Jeong (정): Diese tiefe, schicksalhafte Verbundenheit, die weit über Romantik hinausgeht. Sie leistet einen tiefreichenden Liebesdienst, indem sie die „schöne Lüge“
stützt. Darf man jemanden um seine Trauer betrügen, um ihm/ihr Schmerz zu ersparen?
Ein rührendes Stück Kino, das sehr viel weiter reicht als die Tränen, die
man unweigerlich vergießt. Die Themen vernesteln sich hier geradezu genial. Unter der Teenie-Lovestory versteckt sich ein intellektuelles Wärmekissen für trübe Tage.
오늘 밤, 세계에서 이 사랑이 사라진다 해도 - Oneul bam, segyeeseo i sarangi sarajinda haedo
Lit.: Selbst wenn diese Liebe heute Nacht aus der Welt verschwindet
2025, ca. 106 Minuten
Hauptdarsteller*innen:
- Choo Young-woo
- Shin Si-ah
- Jo Yoo-jung
Plot:
Han Seo-yoon leidet nach einem Unfall an anterograder Amnesie: Jedes Mal, wenn sie schläft, werden ihre Erinnerungen an
den Tag gelöscht.
Um ihr Leben zu meistern, führt sie ein akribisches Tagebuch, das sie jeden Morgen neu liest, um zu wissen, wer sie
ist.
Der ziellose Kim Jae-won lässt sich auf ein ungewöhnliches Dating-Experiment mit ihr ein – unter der Bedingung,
dass sie sich nicht wirklich ineinander verlieben. Während Jae-won versucht, ihr trotz ihrer Krankheit glückliche Momente zu schenken, verschweigt er ihr worunter er selbst leidet.