Unterwegs im Koreanischen
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KDrama nach Themen: Von der Macht der Mächtigen

Dear X

Die südkoreanische Serienlandschaft 2025 ist so divers wie nie zuvor. Doch vor dem Hintergrund vertrauter Feel-Good-Romanzen wirkt „Dear X“ wie ein moralisch fragwürdiger Ausreißer. Die ästhetisch kontrollierte Darstellung der manipulativen Baek Ah-jin (fantastisch: Kim Yoo-jung) macht die Serie zu einem sperrigen, fast schon abstoßenden Seherlebnis.
 
Das Unbehagen, das „Dear X“ auslöst, entsteht dort, wo vertraute moralische Orientierungspunkte fehlen. Der Kern der Irritation liegt darin, dass die Serie sich weigert, Baek Ah-jin zu erklären oder zu entschuldigen. In zahlreichen Beziehungsszenen – intimen Gesprächen in geschlossenen Räumen – spiegelt sie Nähe vor, ohne jemals Verletzbarkeit zuzulassen. Gefühle erscheinen hier als präzise eingesetzte Ressourcen, nicht als innere Bewegung. Ah-jin zweifelt nicht, weil Zweifel in einer Welt, die rein nach Nutzen und Wirkung funktioniert, keine Notwendigkeit mehr haben. Die Serie wertet nicht. Sie zeigt lediglich, dass dieses Verhalten in der dargestellten Realität funktioniert. Gerade darin liegt die Provokation.
 
Das KDrama lässt uns möglicherweise deshalb verstört zurück, weil es den Spiegel so ruhig hält, dass wir der Ambivalenz unserer eigenen Gegenwart nicht mehr ausweichen können. Dass uns solche Erzählungen abstoßen, ist vielleicht der erste Schritt zur Erkenntnis. Nicht jede Geschichte muss erlösen. Aber das Unbehagen, das "Dear X" hinterlässt, zwingt uns zu der Frage, ob wir bereit sind, die Bedingungen zu verändern, unter denen eine solche Geschichte überhaupt erst plausibel geworden ist. Nicht die Serie stellt diese Frage – sondern die Welt, in der sie so beängstigend gut funktioniert.
 
Warum „Dear X“ hier seinen Platz hat:
„Dear X“ ist kein isoliertes Phänomen, sondern Teil einer faszinierenden, verstörenden Strömung im aktuellen KMovie und KDrama, die sich konsequent von klassischen Erzählkodizes entfernt. Es ist weniger eine Botschaft als eine präzise Beobachtung gesellschaftlicher Symptome. Gerade in der südkoreanischen Serienlandschaft, die sich lange durch klare moralische Rahmungen und kathartische Momente auszeichnete, wirkt dieser Wandel besonders auffällig und relevant. „Dear X“ ist dabei nicht nur ein Einzelfall, sondern Teil eines Musters, das auf gesellschaftliche Umbrüche und Unsicherheiten reagiert.

 

 

 

 

 

 

 

Ein Exkurs zur Strömung der Indifferenz im koreanischen Storytelling

Die Haltung des KDramas "Dear X" ist symptomatisch für eine Reihe von Produktionen der Jahre 2024/2025. Darunter beispielsweise:

 

Schuld ohne Wirkung: In "The Price of Confession" wird Schuld zum bürokratischen Akt. Das Geständnis ist eine sachliche Information; es verändert weder die Figuren noch heilt es die Situation. Es gibt keine Katharsis mehr, nur noch Funktionalität.

 

Wahrheit ohne Bedeutung: "The Manipulated" entlarvt Machtmechanismen, nur um zu zeigen, dass die Wahrheit keine Durchschlagskraft besitzt. Aufklärung führt hier nicht zu Befreiung, sondern zu einer dokumentierten Ohnmacht.

 

Gewalt als Betriebszustand: In "Mercy for None" und "Weak Hero Class" ist Gewalt kein moralischer Bruch, sondern die Grundbedingung des sozialen Raums. Sie wird einkalkuliert, nicht verhandelt. Es gibt Bewegung, aber keine Entwicklung; Handlung, aber keine Erlösung.

 

Ritual ohne Transzendenz: Selbst im sakralen Raum von "Dark Nuns" weicht die Hoffnung der Erschöpfung. Das Ritual wird zur monotonen Schwerstarbeit, die etwas in Schach hält, ohne es jemals zu heilen.

친애하는 X - Chinaehaneun X

Lit.: Liebe/r X 

 

2025, 12 Episoden

 

Hauptdarsteller*innen:

- Kim Yoo-jung

- Kim Young-dae

- Kim Do-hoon 

- Lee Yeol-eum

 

Plot:

Baek Ah‑jin wird zu einer erfolgreichen Schauspielerin, deren öffentliches Image von Bewunderung und Nähe lebt. Hinter dieser Fassade bewegt sie sich jedoch strategisch durch ein Netz aus Beziehungen, Loyalitäten und Abhängigkeiten. Wir folgen Ah‑jin über mehrere Jahre hinweg und sehen zu, wie sie durch gezielte Manipulation, Rollenspiele und kalkulierte Nähe ihre Position sichert und ausbaut.

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